Dr. med. Christine Dörge

 


Analytische Gruppenpsychotherapie

Das Ziel ist es, unbewusste seelische Prozesse im Rahmen einer therapeutischen Gruppe der bewussten Verarbeitung zugänglich zu machen. Nach vereinzelten früheren Ansätzen zur Behandlung von Patienten in Gruppen kamen die entscheidenden Impulse zur Entwicklung während und nach dem Zweiten Weltkrieg von englischen und amerikanischen Therapeuten. Die Art der Interventionen des Gruppenleiters wird von seiner theoretischen Ausrichtung mitbestimmt. Es haben sich unter dem analytischen Gruppenmodellen drei große Richtungen entwickelt: Ein Richtung beschäftigt sich in erster Linie mit der Therapie des Einzelnen in der Gruppe (Wolf und schwarz 1962); die entgegengesetzte Richtung betont die Analyse der Gruppe als Ganzes (Bion, 1961; Argelander 1968); eine kombinierte Haltung versucht, neben der Beschäftigung mit dem einzelnen Gruppenmitglied auch die Gruppendynamik zu berücksichtigen (Foulkes 1964).
Die analytische Gruppe zählt in der Regel acht bis zwölf Mitglieder. Der Gruppenanalytiker deutet den Gruppenprozess als ein Übertragungsgeschehen, das heißt als eine szenische Gestaltung von früheren wesentlichen Bindungen und Konfliktsituationen aus der Lebensgeschichte der Teilnehmer. Um die Übertragung erleben und handhaben zu können, werden die Mitglieder gebeten, möglichst keine Beziehungen untereinander außerhalb der Gruppe zu unterhalten. Durch die Einschränkung der realen Beziehungen und die Zurückführung von gegenwärtigen auf frühere Konflikte können die unbewussten Probleme aus den Lebensgeschichten der Gruppenmitglieder bearbeitet werden. Die Gruppenmitglieder werden vom Leiter ermutigt, sich möglichst freimütig zu äußern. Der Gruppenleiter bemüht sich seinerseits, auf die Äußerungen der Gruppenmitglieder ohne Werturteile und Affekte zu reagieren, um möglichst wenig als reale Person, sondern als Übertragungsfigur wahrgenommen zu werden. Diese unvoreingenommene Haltung des Gruppenanalytikers bildet zusammen mit der Enthaltsamkeit der Gruppenmitglieder von intimen Beziehungen untereinander die Abstinenz in der Gruppe. Sie dient zur Erleichterung der Arbeit in der Gruppe.
Die Arbeitsgruppe (nach Bion) wird durch regressive unbewusste Gruppenphantasien beeinträchtigt. Diese Regression in der Gruppe bildet eine Form des Widerstandes gegen die Gruppenarbeit. Die Arbeit an der Übertragung und am Widerstand ist die wichtigste analytische Aufgabe der Gruppe. Eine andere Form des Widerstands ist das Agieren in der Gruppe oder außerhalb, d. h. das Handeln als symbolischer Ausdruck von unbewussten Phantasien, zum Beispiel eine unkontrollierte Aggression in der Gruppe. Das Agieren soll nicht einfach verboten werden, sondern in seiner unbewussten Bedeutung verstanden und dadurch integriert werden. Die Übertragungsbeziehungen in der Gruppe sind durch einen hohen Grad an Ambivalenz gekennzeichnet, das heißt sie drücken starke widersprüchliche kindliche Affekte aus. Die Gruppenarbeit zielt auf die Integration dieser heftigen Widersprüche und die Förderung von Einsicht. Das Wiederbeleben des ödipalen Dramas mit seinen heftigen Affekte betrifft auch die Beziehungen zum Analytiker ("Vatermord"). Das Ziel der analytischen Arbeit ist das Durcharbeiten und Auflösen der Übertragungsneurose, das Abschiednehmen von kindlichen Erwartungen und Illusionen, um Verantwortung für die eigenen Handlungen zu übernehmen. Dies bedeutet auch, Einsicht in die Begrenztheit des eigenen Lebens und der eigenen Möglichkeiten zu gewinnen (Trauer).

Josef Shaked

 

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